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Inventar-Nr: B02674
Objekt: Samisdat


Samisdatzeitschrift "Grenzfall"

Die Zeitschrift "Grenzfall" - vorliegend das letzte erschienene Heft 17 als Ausgabe 6/1989 - gehört zur so genannten Samisdat-Literatur die von der Opposition in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) meist unter dem Schutz der Kirche herausgegeben wurde. Obwohl die ersten beiden Ausgaben des "Grenzfall" noch den Vermerk "nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch" besaßen, erschien dieses Informationsblatt im Gegensatz zu fast allen anderen "Oppositionsblättern" aber vollkommen unabhängig und ohne wirkliche Unterstützung der Kirche. Stattdessen verhinderte Generalsuperintendent Günter Krusche (später als IM "Günter" enttarnt) selbst, das sich das Untergrundblatt auf der Friedenswerkstatt im Juni 1986 vorstellen und die erste Ausgabe verteilt werden konnte. Der "Grenzfall" war die erste ursprüngliche politische Untergrundzeitschrift seit Gründung der DDR (7. Oktober 1949). Zwischen 1986 und 1989 gab die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) in Berlin insgesamt 17 Ausgaben in einer Auflage von bis zu 800 Exemplaren heraus. Während die erste Ausgabe noch im Format A6 erschien und fototechnisch vervielfältigt war, konnten die folgenden Ausgaben bereits mit einem "Spritumdrucker" (Ormig-Vervielfältigung) und ab der sechsten Ausgabe kontinuierlich mit einem Schablonen-Vervielfältiger hergestellt werden. Die ersten drei Ausgaben erschienen 1986 noch unregelmäßig, die folgenden ein Jahr später schon monatlich, ehe dann das vorerst letzte Heft 15 als Doppelnummer 11-12/1987 erst Anfang 1988 herausgegeben werden konnte. Grund dafür war der Überfall des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf die Berliner Umwelt-Bibliothek (UB) in der Nacht vom 24. zum 25. November 1987. Der Stasi Einsatz (Deckname: "Aktion Falle") zielte darauf die Redakteure und Drucker des "Grenzfall", der zum Teil in der UB vervielfältigt wurde, auf frischer Tat zu ertappen. Durch einen Zufall schlug diese Aktion aber fehl, statt der "Grenzfall"-Herausgeber wurden sieben Mitglieder der UB verhaftet. Die Staatssicherheit beschäftigte sich ausführlich mit dem "Grenzfall" und der IFM und bearbeitete einige wichtige Mitglieder in Operativen Vorgängen (OV) und Operativen Personenkontrollen (OPK). Im Umfeld und innerhalb der IFM waren zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter des MfS tätig, so dass die Stasi immer bestens informiert war. Durch diese gezielten Gegenmaßnahmen beeinflusste die Stasi das Erscheinen des "Grenzfall" maßgeblich. Nach dem Januar 1988 wurden dann auch nur noch zwei Ausgaben herausgegeben, Heft 16 als 1-12/1988 unter der Verantwortung von Bärbel Bohley und Reinhard Weißhuhn und Heft 17 nur noch unter Reinhard Weißhuhn. Eine weitere "inoffizielle" Ausgabe 1-5/1989 gab noch eine Redaktion der IFM Suhl heraus, die allerdings keinen Kontakt zur IFM in Berlin hatte (vgl. weiteren politischen Samisdat und kirchlichen Halbsamisdat).

Seit Mitte der 1980er Jahre gab die Opposition in der DDR immer mehr inoffizielle Publikationen heraus. Wurden in den anfangs vereinzelt und in kleinen Auflagen erschienenen Blättern - die oft von einer christlich geprägten Sprache bestimmt waren - zumeist nur Termine, Artikel über Umweltaktionen (z.B. Baumpflanzaktionen) oder Beiträge zur eigenen Gruppe veröffentlicht, behandelte man jetzt auch offen politische Themen. Dabei waren die politischen Richtungen der Publikationen ebenso unterschiedlich wie deren Wirken (regional bzw. landesweit). In der DDR existierten 1987 über 20 verschiedene periodisch erscheinende Protestblätter die von unterschiedlichen Basisgruppen im Selbstverlag (Samisdat) herausgegeben wurden, 1988 waren es etwa 30 und ein Jahr später annähernd 40.


Sammlung: Samisdatschriften, kirchliche und Oppositionsblätt
Hersteller: Initiative Frieden und Menschenrechte, Berlin
Maße: Breite: 21,1 cm; Länge: 29,8 cm
Material: Heftblock: Papier,
Heftklammer: Metall
Farbe: Heftblock: beige,
Aufdruck: schwarz

Autor/Herausgeber: Initiative Frieden und Menschenrechte
Wei▀huhn, Reinhard
Verlag: Eigenverl.
Erscheinungsjahr: 1989
Erscheinungsort: Berlin
Auflage: 1. Aufl.
Umfang: 22 S. / 11 Blatt
Band: Heft 17 Nr. 6/89










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