Die „Runde Ecke“, Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig 1952 bis 1990

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Das Dienstgebäude der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (BVfS) hieß im Volksmund einfach „Runde Ecke“. Das Wortparadoxon beschrieb in trefflicher Weise das Gefühl vieler Leipziger, dass in diesem Haus am Dittrichring 24 „etwas nicht stimmt“. So wurde aus dem Gebäude während der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 auf Transparenten sogar die „Krumme Ecke“, die am 4. Dezember 1989 schließlich von Leipziger Bürgern besetzt wurde.

Das Gebäude, das zwischen 1911 und 1913 vom Architekten Hugo Licht für die Alte Leipziger Feuerversicherungsanstalt gebaut worden war, hatte Gerüchten zufolge schon der Gestapo als Unterkunft gedient, ehe nach dem Zweiten Weltkrieg die 7. US-Armee darin ihr Hauptquartier einrichtete. Nach dem Abzug der Amerikaner sollen sowohl der Sowjetische Militärgeheimdienst bzw. der NKWD (ein Vorläufer des KGB) als auch (ab 1946) die „K 5“ im Dittrichring 24 gearbeitet haben. Die „K 5“ war ein Dienstzweig der Kriminalpolizei, der ursprünglich für die Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen aufgebaut worden war, sich jedoch schnell zu einem Repressionsinstrument im Dienste der sowjetischen Besatzungsmacht entwickelt hatte. Nach der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) am 8. Februar 1950 richtete die Landesverwaltung Sachsen des Ministeriums ihre Dienststelle Leipzig unter Joseph Gutsche im Dittrichring 24 ein. Da sich der neue Staatssicherheitsdienst vor allem auch aus Mitarbeitern der „K 5“ rekrutierte, konnten viele Mitarbeiter gleich im Gebäude bleiben. Mit der Auflösung der Länder in der DDR und der Bildung von Bezirken wurde die Dienststelle Leipzig im August 1952 zur Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, die nicht mehr der Landesverwaltung sondern direkt dem Minister unterstellt war. Da der Platz in der „Runden Ecke“ für die expandierende Staatssicherheit schon Mitte 1950er Jahren nicht mehr ausreichte, wurde 1955 bis 1958 ein Anbau mit Festsaal und Kegelbahn fertig gestellt, zwischen 1978 und 1985 wurde das Gebäude nochmals erheblich erweitert (für 65 Mio. Mark).

1989 unterstanden der BVfS Leipzig insgesamt 13 Kreisdienststellen für Staatssicherheit (KDfS) sowie bis Mitte der 1980er Jahre die Objektdienststellen Böhlen und Espenhain. Zum Zeitpunkt der Auflösung im Dezember 1989 beschäftigte die BVfS Leipzig 2.401 hauptamtliche Mitarbeiter (800 bis 1.000 davon direkt in der „Runden Ecke“), unterhielt über 850 konspirative Wohnungen und Objekte und führte circa 10.000 Inoffizielle Mitarbeiter. Die Leiter der BVfS Leipzig waren Kurt Rümmler (1952 bis 1958), Hans Schneider (1959 bis 1966), Manfred Hummitzsch (1967 bis 1989) sowie Reinhard Eppisch (Dezember 1989 bis April 1990), der im Grunde nur noch für die geordnete Auflösung der BVfS zuständig war.


Glossar
Literatur