Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig (AKG)

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Der Arbeitskreis Gerechtigkeit (AKG) wurde Ende 1987 von Studenten des Theologischen Seminars Leipzig (ThSL) mit dem Ziel gegründet, Einfluss auf die politische Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu nehmen. Der AKG verfügte über eine Satzung, eine feste Struktur mit einem Sprecherkreis und vereinte mehrere spezielle Arbeitsgruppen, die sich thematisch mit den Bürger- und Menschenrechten, mit der Ausreise oder mit Wirtschaft und Soziales beschäftigten. Der Arbeitskreis war im Besitz eines nicht lizenzierten Schablonen-Vervielfältigungsgerätes, mit dem sie Flugblätter herstellte. Thomas Rudolph, einer der Mitbegründer, brach sogar im November 1988 sein Theologiestudium ab, um sich voll der politischen Arbeit im AKG widmen zu können.

In der Oppositionsbewegung der DDR nahm der AKG eine herausragende Stellung ein, weil er über ein engmaschiges internationales Kommunikationsnetz verfügte. Er hatte vielfältige Beziehungen zu oppositionellen Gruppen in Osteuropa (Polen, CSSR und Baltikum) und unterhielt ein Informations- und Austauschsystem mit westlichen Journalisten. So konnte die Gruppe wiederholt Fotos von Demonstrationen in der DDR und den staatlichen Gegenreaktionen sowie offene Briefe und Berichte in der Presse der Bundesrepublik platzieren. Der Arbeitsgruppe „Haft“ gelang es, über einen „Haft-Pfarrer“ die Namen politischer Gefangener ausfindig zu machen. Diese Informationen wurden über Samisdatschriften verbreitet, so dass politische Gefangene nicht einfach aus dem öffentlichen Raum verschwanden.

Als eine der ersten oppositionellen Gruppen in Leipzig setzte sich der AKG auch für die Belange der Ausreisewilligen ein. Beispielsweise verteilte sie am 19. Februar 1989 nach dem Friedensgebet einen Brief, der die gesetzliche Regelung der Ausreise kritisch hinterfragte. 100 Ausreise-Antragsteller unterschrieben und sendeten ihn persönlich an Erich Honecker. Weiterhin sammelte die Arbeitsgruppe „Ausreise“ Informationen über die staatliche Praxis im Umgang mit den Ausreisewilligen. Gesellschaftliche Ausgrenzung, berufliche Erschwernisse, physische und psychische Belastungen sollten dokumentiert und veröffentlicht werden. Der AKG erkannte in der Gruppe der Ausreisewilligen aber auch ein großes Mobilisierungspotential um eigene Interessen deutlicher in die Öffentlichkeit zu tragen. Es zeigte sich, dass ein Zusammengehen der unterschiedlichen Interessen beiden Seiten von Nutzen sein konnte.

Bereits 1988 ging aus dem AKG und anderen Gruppen, wie der Arbeitsgruppe Menschenrechte (AGM), die „Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR“ hervor. Dahinter stand das Interesse die Gruppenstrukturen und Kommunikationsnetze weiter zu verdichten, die Gruppen sollten sich von Akteuren kritischer und demonstrativer Aktionen zur politischen Gestaltungskraft wandeln. Dafür war der Schutzraum der Kirche aber zu eng. Zudem vertrat die Mehrheit der kirchlichen Funktionäre die Ansicht, sich nicht zum Helfer einer revolutionären Kraft machen zu lassen – Kirche wollte Kirche bleiben. Im März 1989 ging aus dieser Arbeitsgruppe wiederum die Regionalgruppe Leipzig der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) hervor, die sich selbst als kirchenunabhängig bezeichnete. Die Leipziger Menschenrechtsgruppen folgten dem Credo der Berliner IFM und vollendeten den Schritt raus aus der Kirche, rein in die Gesellschaft. Viele Mitglieder des AKG widmeten sich im Herbst 89 der Mitarbeit in diesem Gremium, so dass der Arbeitskreis seine Tätigkeit einstellte.


Glossar
Literatur